In Memoriam Georg Baselitz (1938–2026)
Georg Baselitz war auch im fortgeschrittenen Alter immer noch knochentrocken. Im Rahmen einer Ausstellung zu seinem 80. Geburtstag in der Fondation Beyeler in Basel dekretierte er kategorisch: „Ich bin kein Künstler, ich bin Maler.“ Denn Künstler würden sich selbst darstellen, Maler hingegen „malen Bilder, die sich selbst darstellen.“
Eitel sei er bis zu einem gewissen Grad schon, sagte Baselitz im gleichen Interview, trotzdem habe er sich nie positiv gezeigt, sondern immer negativ: „Ich sehe schlecht aus, ich sehe alt aus, ich habe Falten und so weiter.“ Rasieren würde er sich allerdings schon regelmäßig. Denn: „Ich möchte nicht so zerpflückt aussehen und verschimmelt.“
Diese nüchterne Denotation des Faktischen betrifft nicht nur den Umgang mit seinem öffentlichen Selbst, sondern auch das innerste Wesen seiner Kunst: „Es gibt keine Heroisierung, es gibt kein Pathos.“ Es gibt aber auch kein Mitleid – weder mit sich selbst, noch mit seiner Umwelt, die der in Deutschbaselitz geborene Künstler, der eigentlich Hans-Georg Bruno Kern hieß, seit seiner Kindheit im Zweiten Weltkrieg und seiner Jugend in der DDR vielfach als rough, unfreundlich, und abweisend erlebt hat. 1956 begann er ein Kunststudium an der Hochschule in Berlin Weißensee, wurde aber schon nach zwei Semestern wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ relegiert. Er floh dann in den Westteil der Stadt und setzte die Ausbildung an der West-Berliner Hochschule der bildenden Künste fort. Doch auch dort wurde er nicht glücklich.
Georg Baselitz war definitiv kein Zugehörigkeits-Junkie, den Schaffensprozess in der Kunst hat er einmal als „radikal subjektiv“ und „asozial“ bezeichnet.
Die nächsten Schritte waren somit nur logisch: Gemeinsam mit Eugen Schönebeck, einem der wenigen künstlerischen Sparring-Partner, die der konsequente Solipsist akzeptierte, formulierte er jene „pandämonischen Manifeste“, die als ästhetischer Urtext der künstlerischen Ausfaltungen der kommenden Jahrzehnte gelesen werden dürfen. Im Wesentlichen waren dies Plädoyers für das Hässliche, das Obszöne, das Blasphemische und das Krankhaft als existentielle Modalitäten, mit denen man die „Harmoniesuppe“ einer gefälligen, akademischen Abstraktion aufmischen konnte, die in der Wiederaufbauzeit de rigueur war. Ein Schlüsselsatz steht im Ersten pandämonischen Manifest aus dem Jahr 1961: „Ihr seht in meinen Augen den Naturaltar, das Fleischopfer, Speisereste in der Kloakenpfanne, Ausdünstungen der Bettlaken.“
Georg Baselitz hat solche rabiaten Formulierungen später als pubertäre Kraftmeierei abgetan, damals aber gab es eine Wesensverwandtschaft zu Künstlern, die das Nachzittern des Krieges noch in den Knochen spürten und die, zerklüftet und pastos, dieser existentiellen Erfahrung Form und künstlerische Kontur geben wollten. Man ging bis an die äußersten Grenzen der Malerei und dann, wie die Wiener Aktionisten, noch darüber hinaus. Georg Baselitz aber blieb seinem Metier treu und wollte die ganze Sache gewissermaßen von innen her aufsprengen, indem er seine Kunst völlig neu dachte. Eine für ihn bedeutsame Entdeckung, sagte er einmal, sei es gewesen, das Bild als Träger für eine Idee zu benutzen. Und, weil es ihm besonders wichtig war, präzisierte er: „Also nicht das Bild als Idee, sondern dass ich das Bild benutze als Träger für eine Idee.“
Seine Kunst, die das Informel links und die Pop Art rechts liegen ließ, trug schon bald die schönsten Skandalfrüchte. Sein Gemälde „Die große Nacht im Eimer“, eher eine chaotische Materialassemblage als ein Porträt, zeigt einen Knaben mit Riesenpenis, der masturbiert. Das Bild schockierte die biedere Bonner Republik und wurde prompt beschlagnahmt. Auch die umfangreiche „Helden“-Serie, die Georg Baselitz in den mittleren 1960er Jahre schuf, dürfte kaum den Geschmack jener getroffen haben, die sich den Krieg retrospektiv schön zu lügen versuchten: Man sieht da bleiche, langhalsige Gespenster, die verloren in die Richtung des Betrachters schauen oder grob gestrichelte Figuren, die scheinbar mit letzter Kraft eine schlappe Fahne tragen.
Seine beste und dauerhafteste Idee hatte Baselitz im Jahr 1969, als er mit seinen „Kopfunter“-Bildern begann, die seine Prominenz auch außerhalb der engeren Kunstblase deutlich verstärkten.
Für ihn, der ja der Figuration nie ganz abgeschworen hatte, war dies die Lösung zahlreicher Probleme, die sich aus der Krise der Malerei und der Diktatur der Abstraktion ergeben hatten: Mit der Umkehrung wurden die Sujets plötzlich zweitrangig und der Fokus der Rezipienten verlagerte sich vom Narrativen in Richtung Farben, Struktur und den reinen Akt des Malens. Und trotzdem war da immer noch etwas Gegenständliches, das Bild blieb Träger einer Idee.
Georg Baselitz hat sich im Lauf der Jahrzehnte vielfach gehäutet und seine Blickpunkte verändert: Er ging von Ost- nach Westdeutschland und schließlich nach Österreich, wo er viele Jahre in Salzburg lebte und 2015 österreichischer Staatsbürger wurde. Erst 1979 begann der Künstler mit großformatigen Holzskulpturen, wo er gerne auch Kettensägen verwendete, um aus Holzblöcken grobe und kantige Formen buchstäblich herauszufräsen. Aber während solche Chainsaw Massacres bei öffentlichen Performances von Elon Musk und Javier Milei als Symbole der Zerstörung des Staates und damit gleich des gesamten Gemeinwesens dienten, waren sie bei Georg Baselitz Befreiungsimpulse: Durch den Akt der Zerstörung zur Katharsis – so wie er es im pandämonischen Manifest schon skizziert hatte.
Der Künstler, der, aufgrund seines Lebensweges durchaus auch als ein österreichischer gelten darf, ist am 30. April 2026 verstorben. In den Jahren vor dem Tod nahm seine Kunst noch einmal eine andere Färbung, eine andere visuelle Tonalität an. Die Farbpalette wurde erdiger und reduzierter, die Figuren, immer noch upside down, wirken ausgezehrt, nachgerade skelettiert. Sie haben den Charakter von archaischen Zeichen, die eine Welt jenseits des Raum-Zeit-Kontinuums zu beschwören versuchen. Und manchmal erinnern sie an die Gipsabdrücke jener menschlichen Körper, die im Aschenregen von Pompeji zugrunde gingen. Georg Baselitz, der Geist, der stets verneinte, hatte im finalen Stadium seiner Kunst eine Durchlässigkeit erreicht, die weit von Skandal und Provokation entfernt, im Sinne der negativen Dialektik das Allzumenschliche als Nichtidentisches künstlerisch zu transzendieren versucht.
Bis zuletzt blieb er einer Maxime treu: „Ich bin als Maler unzuverlässig: Wenn ich einmal ein Bild gemalt habe, verlasse ich es sofort und male ein anderes.“
Thomas Mießgang
30. Oktober 2026